Was ist real? Die Physik weiss es nicht!

Die Frage danach was Realität ist, ist wohl eine der ältesten, seit Menschen denken und philosophieren.

Am einfachsten scheint uns ja die Alltagserfahrung: real ist das, was ich sehe, messen und beobachten kann. Wenn das nun mehrere Menschen immer wieder können, dann gilt es als wahr und so entstanden die Theorien der gesamten klassischen Mechanik. Die Bewegung dieser massenhaften Körper, Maschinen, Elektrizität, Elektronik – all das ist real. So scheint es.

Während vor dem Beginn der Zeit der klassischen Physik auch immaterielles, geistiges als real, als wahr gesehen wurde, wird dies mehr und mehr verdrängt und ins Reich der Phantasie verdrängt. Gedanken, Träume, Gefühle werden auch nur zu Blitzen im Neuronenstrom des Gehirns reduziert, weniger weil dies bewiesen werden kann, eher weil es „so sein muss“. Ein zwar nicht sehr wissenschaftliches Vorgehen, aber durchaus verständlich, wenn man keine andere Chance sieht oder sehen will. Bei berechtigter Kritik kommt meist die Antwort der Neurologen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis es bewiesen ist. Gute Antwort.

Erst im 20. Jahrhundert begann diese mechanische, rein materialistische Vorstellung der Realität wieder ein wenig zu bröckeln, Einsteins Relativitätstheorie und die Quantenmechanik erzwangen merkwürdige Konsequenzen in den Extrembereichen der physikalischen Welt: bei Lichtgeschwindigkeit ist die Masse unendlich, die Größe Null und die Zeit steht still. Im Bereich kleinster Teilchen ist es nicht möglich, gleichzeitig zu sagen wo und wie schnell sich ein Schwingungsteilchen bewegt – man kann nur entweder sagen wo oder wie schnell es sich bewegt. Es entsteht eine „Wolke“ der Möglichkeiten. Noch ein weiterer Aspekt kam hinzu, Beobachtung stört das zu beobachtende Objekt.

Insbesondere letztere Konsequenz finde ich bemerkenswert. Sie besagt nämlich, dass (derzeit zumindest im Bereich kleinster Teilchen), eine Beobachtung nicht möglich ist. Durch Beobachten wird die Realität verändert.

Bei Kritik am materialistischen, atheistischen Weltbild wird dann oft darauf verwiesen, dass solche Dinge ja nur an den Extremen geschehen, im Prinzip sei aber alles normal. Dinge wie der Urknall, Schwarze Löcher, die Raumzeit werden als leicht vorstellbare Fakten dargestellt, mit denen die Physiker schon umzugehen wüssten und sich alle in das rationale, dem Menschen nachvollziehbare Weltbild durch die Gabe seiner Beobachtung fügen würden. Kein Mensch ist schneller als ein paar Prozent der Lichtgeschwindigkeit geflogen, aber klar, ist es leicht sich vorzustellen, wie Masse unendlich schwer wird, die Größe auf Null schwindet und die Zeit nicht mehr vergeht. Wir erklären den Urknall als Ereignis vor Jahrmilliarden, in dem alle Materie auf einem Punkt konzentriert ist und dann geht’s los. Dabei tun wir uns aber schwer, den Zeitraum von ein paar Tausend Jahren vernünftig zu erfassen.

Nun fragt das Magazin „Welt der Wunder“ 1/13 „Ist die Wirklichkeit eine Fälschung?“. Nun mag dieses Magazin nicht als wissenschaftlich und peer-reviewed gelten, was aber vermutlich das Gute daran ist. Peer Review bedeutet oft Stillstand: ein Gläubiger des aktuellen Weltbildes kontrolliert, ob ein anderer Gläubiger des Weltbildes nicht vielleicht ansatzweise etwas schreibt, was dem Weltbild widerspricht. Wenn alles dem Glaubensbild entspricht, darf es veröffentlich werden, sonst nicht. Das entspricht der Kontrolle der Katholischen Kirche im Mittelalter, ob neue Theorien sich mit dem Bild Gottes decken. Falls nicht wird der Autor verbannt, verfolgt, getötet. In abgemilderter Form ist das das Prinzip des Peer Review, vor allem wenn es um Paradigmen geht.  Im Bereich technischer Details in Chemie, Physik und Technik ist das in Ordnung, zu kontrollieren, ob jemand methodisch korrekt gearbeitet hat, im Bereich der grundlegenden Theorien ist es geradezu ein Erstarren des Systems.

Nun lehrt die Quantenmechanik, dass Beobachtung die Realität verändert, und folgende Aussagen von Gehirnforschern machen die Ergebnisse, was real sein soll,  nicht unbedingt glaubhafter:

Das Gehirn präsentiert uns die Welt nur in sehr begrenztem Umfang. Aus dem riesigen Spektrum prinzipiell verfügbarer Signale nehmen wir nur einen kleinen Teil auf. (Hirnforscher Wolf Singer, WdW 1/13)

Mehr als 40 Eindrücke pro Sekunde überlasten die Gehirn-Sicherungen.

Eine wie auch immer geartete „direkte“ Wahrnehmung all dessen, was um uns herum ist, ist nicht möglich.

Elf Millionen Eindrücke pro Sekunden nehmen wir wahr, 10 999 960 davon sind Datenmüll. Erstaunlich, dass wir aber meinen damit die Realität beschreiben zu können! Das Gehirn schafft in jedem Augenblick ein Bild der Welt aus dem, was es bereits im Speicher (Erfahrung) abgelegt hat, vergleicht es mit dem gerade Erfassten und konstruiert daraus seine Wirklichkeit.

„Es ist absolut möglich, dass jenseits der Wahrnehmung unserer Sinne ungeahnte Welten verborgen sind“ (Albert Einstein)

„Wahrnehmungsforscher sagen, dass unsere Realität ein Art selbst konstruierte Information ist. Wenn wir also davon ausgehen, dass die von uns wahrgenommene Realität virtuell ist, scheint mir die Auffassung, dass die einzig „wahre“ Erfahrung nur in der physischen Welt gemacht werden kann, irgendwie, nun, unwirklich“ (James Blascovich, zitiert in WdW 1/13).

Deutlich anerkannter dagegen die Zeitung „Spektrum der Wissenschaft“, die  in Ausgabe April 2012 des Titelthemas „Quantengravitation – Auf der Suche nach der Weltformel“ in einem Artikel von Claus Kiefer, wo ich ebenfalls den Schlusssatz zitieren möchte:

Welche der hier diskutierten Zugänge zur Quantengravitation der richtige ist, wissen die Forscher noch nicht. Sie wissen nicht einmal, ob der richtige schon darunter ist – ja ob es einen solchen überhaupt gibt. Klar ist aber, dass die Quantengravitation zu einem tieferen Verständnis von Zeit und Universum führt – mit aufregenden Konsequenzen.“

Nun, was sagt er damit aus? Nämlich dass die Physik nichts darüber weiß, wie die Welt im Grunde aussieht. Vielleicht sind wir Menschen mit unseren begrenzten Wahrnehmungsmöglichkeiten, wo 99,999% aller Informationen die auf uns eintreffen, schlichtweg ausgefiltert werden, auch dazu gar nicht in der Lage. Damit aber Aussagen zu machen, es existiere kein Bewusstsein jenseits der materiellen Welt, es gäbe keine Göttlichkeit, es wäre alles materialistisch physikalisch zu erklären, finde ich schon, provokant gesagt, großkotzig.

Ich bin der Meinung, ein Traum, eine Meditation, eine gedachte Geschichte ist genauso real, wenn nicht realer, als das was ich um mich herum sehe. Und die Forschungsergebnisse der letzten Jahre scheinen das zu bestätigen, zumindest dadurch, dass sie immer mehr zeigen, dass alles nicht so einfach ist, wie wir es vor allem im 19. Jahrhundert gedacht haben, dass es wäre.

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Meike
    Jan 27, 2013 @ 12:58:29

    Hi Violet!
    Ein spannender Artikel mit viel „eigener Meinung“ darin, die ich weitgehend teile. Weißt du, was ich spannend finde? Die Frage, inwieweit wir wohl in der Lage sind (sein werden / könnten), all das, was momentan noch „ausgefiltert“ wird, vielleicht eben DOCH zu verarbeiten, zu nutzen. Inwieweit es da einen Weg gibt, fernab der Forschung, eher nahe des Herzens in Richtung höheres Bewusstsein. Hm…und eigentlich, so glaube ich, gibt es einen. Vielleicht einen, auf den die Menschen im Allgemeinen noch nicht gekommen sind, weil sie größtenteils versuchen, Dinge ausschließlich mit ihrem Verstand zu erfassen / zu begreifen, man diese Informationen dort aber nicht „erfühlen“ kann. Tja…wer weiß.

    Antwort

  2. Violet Teki
    Jan 27, 2013 @ 13:08:19

    Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das was ausgefiltert direkt so viel Mehrwert bringt.

    Das größte Problem derzeit ist eben die reine Konzentration auf die Erfassung durch den Verstand. Das wird auch gut widergespielt in die Gesellschaft, in der wir leben – wie wir leben – alles rational, auf Wachstum, Erfolg gerichtet. Spaß, Liebe, Kreativität, Gefühl und Emotion sind weit abgedrängt in Freizeitbeschäftigungen, für die wenig Zeit bleibt.

    Antwort

    • Meike
      Feb 10, 2013 @ 00:07:01

      Hm…ob das wirklich so viel Mehrwert bringt…eine interessante Überlegung. Vielleicht nein, vielleicht aber auch ja, auf eine eher subtile Weise.
      Du hast recht mit dem, was du schreibst. All das, was das Herz und die Seele nährt und so wichtig ist, ja, ich möchte fast sagen, was wirklich wichtig ist, ist (noch) weit abgedrängt. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich das wandeln wird – und das tut es ja auch schon. Langsam zwar, aber nach und nach erlangen immer mehr Menschen ein feineres Bewusstsein für sich selbst. Das finde ich sehr schön.

      Antwort

  3. Heiner Lilje
    Sep 09, 2013 @ 11:02:32

    Eins sollte klar sein: Die Physik hat niemals versucht zu beschreiben was real ist und dies niemals behauptet.
    Wir wissen nicht was real ist. Ich weiß nicht, ob ich hier gerade tippe oder mir das nur einbilde bzw. ob dies eine Computergenerierte Simulation oder sonstwas ist.

    Wir alle wissen das. Wissenschaft beschreibt nicht das, was real ist, sondern lediglich die Welt, die wir beobachten können – selbst ob „wir“ dies können ist nicht klar, denn niemand kann sagen, ob eine andere Person als man selbst überhaupt existiert. All das wissen Wissenschaftler, jedoch ist es nicht relevant.

    Antwort

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