Spirituelle Wege – Teil 1

Die Frage welche Wege der Spiritualität es gibt, ist insofern interessant, als es bei diesen ja auch immer ähnliche Methoden und Prinzipien gibt. Für mich selbst ist dieser zweiteilige Artikel eine Form, einen Überblick und eine Gliederung zu finden.

Bruno Martin (1997) gibt in seinem Werk „Handbuch der Spirituellen Wege“ (Heyne, 1997) dazu einen Überblick, der allerdings alphabetisch sortiert und sehr lexikalisch sich darstellt. Ich möchte daraus eine Gliederung erstellen und die Wege in diesem Artikel nur in sehr kurzer Form darstellen. Im Vordergrund steht im folgenden eine Gliederung, um eine Übersicht der spirituellen Wege zu bekommen.

I. Schamanen

Das Schamanentum kann man als älteste religiöse, heilkundliche und psychologische Disziplin der Menschheit  betrachten, welche aber gerade in der modernen Zeit stark neu erwacht. Der Schamanismus ist dabei kein einheitliches Phänomen, sondern hat in seiner 30.000-jährigen Geschichte in jedem Kontinent, in jedem Stammesvolk unterschiedliche Praktiken und Techniken entwickelt.

Es gibt aber drei Kennzeichen des Schamanen, die überall vorkommen:

  1. Der Schamane kann willentlich in veränderte Bewusstseinszustände eintreten
  2. der Schamane erlebt sich in diesen Zuständen als „Reisender“ in anderen Welten
  3. der Schamane benutzt diese Reisen als Mittel, um Wissen und Macht zu erwerben, um Menschen in seiner Gemeinschaft zu helfen

Vom Wesen her ist der Schamanismus keine Religion in unserem heutigen Sinne, es wohnen ihm kein festes Glaubensgebäude, keine Dogmen, keine Ideologien und keine heiligen Schriften inne. Eher ist der Schamanismus, seine Visionen Grundlage der Religionen.

Verbreitet ist der Gebrauch bewusstseinserweiternder Kräuter und Pilze. Außergewöhnliche Bewusstseinszustände werden aber auch auf anderen Wegen erreicht: Isolation, Müdigkeit, Hunger/Fasten, rhythmische Geräusche und Tänze oder bestimmte Körperhaltungen. Der Schamane ist ein Spezialist für die Induktion einer Trance.

Im Trance-Zustand kann der Schamane seine Aufmerksamkeit auf die parallele Anderwelt richten und dort erfolgt die Einheitserfahrung. Er lernt bei der Reise in die innere Welt Träume, Phantasien, Visionen und Geistkontakte herzustellen und zu interpretieren.

Die Einweihung ins Schamanentum ist traditionell ein langwieriger Prozess, der vom Schüler harte Seltbstdisziplin verlangt. Das Universum des Schamanen teilt sich in drei Welten: in der Unterwelt findet er sein Krafttier, die Mittelwelt entspricht unserer Erde und in der Oberwelt findet er seinen Lehrer.

Eine weitere wesentliche Erfahrung des Schamanen ist Tod und Wiedergeburt.

Als wesentliche Strömungen seien folgende drei genannt:

  • Nord- und Südamerikanische Traditionen
  • Huna – der polynesische  Schamanismus
  • Die Traumzeit der australischen Ureinwohner

II. Westliche Traditionen und Wege

1. Esoterik

Esoterik ist eine gängige Bezeichnung für die nicht-institutionelle „neue Spiritualität“. Esoterik bedeutet im ursprünglichen Sinne „innerer Kreis“. Damit bezeichneten die Pythagoräer (um 600 v. Chr.) den inneren Kreis der Forschungs- und Glaubensgemeinschaft rund um den Philosophen selbst. Sie waren in die Geheimnisse seiner Lehre eingeweiht, als Exoteriker bezeichnet man die, die diese Mysterienschule gelegentlich besuchten, sonst aber im Alltagsleben standen und nicht in die Lehren eingeweiht waren.

Heute wird der Begriff recht wahllos für alle sogenannten paranormalen und spirituellen Strömungen von Astrologie bis Zen, von Sufismus bis Spiritisten gebraucht.

Wesentliche Strömungen der wahren Esoterik sind die Astrologie, die Alchemie und die Magie.

1.1. Astrologie

Die Astrologie kann nicht als „spiritueller Weg“ im strengen Sinne gesehen werden, sondern eher als Methode zur Erkennung von Mustern und Zusammenhängen in einem undurchschaubaren Kosmos. Astrologie basiert auf der uralten Intuition des Menschen, dass es einen kosmischen Plan gibt, in dem Mensch und Kosmos eine Einheit bilden. Durch Beobachtung von Sternen, den Bewegungen der Planeten und der Verhaltensweise von Menschen wurden von den Astrologen Zusammenhänge hergestellt, die dem Menschen helfen sollten, in Einklang mit diesen Gegebenheiten zu leben.

Weiterführende Informationen über die Astrologie hier und in vertiefenden Artikeln.

1.2. Alchemie

Die Alchemie (von arab. al kimiya, die Lehre vom inneren Zusammenhang der Stoffe) geht bis auf die Anfänge der Metallbearbeitung zurück. Die Metallbearbeitung war lange Zeit in Geheimnisse gehüllt, besonders weil es eine Kunst war, das Metall so zu reinigen und zu schmieden, dass es haltbar und formbar war.

Der Vater der Alchemie, Dschabir Ibn Haijan, ein arabischer Arzt und Alchemist, später christianisiert als Johannes Geber bekannt, erkannte, dass sich durch die drei Elemente Salz, Schwefel und Quecksilber im richtigen Mischungsverhältnis das sog. Gold der Philosophen bzw. der Stein der Weisen herstellen ließ.

Die Alchemie beinhaltet immer das Thema Substanzumwandlung und wurde die Heilkunst und die Kunst der inneren Transformation traditionell verbunden.

Weiterführende Literatur: Latz, Gottlieb: Alchemie, Komet-Verlag, Nachdruck der Originalausgabe von 1869 – äußerst umfangreich

1.3 Magie

Unter magischen Ritualen versteht man das Anrufen und die Materialisation von Geistwesen, den mediumistischen Kontakt mit Verstorbenen (Channeling), Besessenheitstrance (Voodoo, Afro-Amerikanische Wege) und andere rituelle Zeremonien. Die Tricks der Zauberkünstler fallen hier nicht darunter.

Viele ungewähnliche parapsychologische Phänomene lassen sich naturwissenschaftlich erklären, in der Quantenphysik spricht man von „Interferenzen“ zwischen alternativen Welten (wobei dies im mikroskopischen Bereich nachgewiesen ist, man aber davon ausgeht, dass dies auf den makroskopischen übertragbar ist). Es können durchaus Halluzinationen und Suggestionen im Spiel sein. Aus Untersuchungen der Psychoneuroimmunologie weiß man, dass Autosuggestion sowohl als Auslöser für Krankheiten, als eben auch am Heilungsprozess eine Rolle spielt.

Traditionell werden unter Magie aber Lehren diverser Kulturen bezeichnet, welche die Natur als magischen Organismus begreift, der wie in schamanistischen Glaubensvorstellungen „beseelt“ ist und deren Teile in Beziehung miteinander stehen.

Ein Magier kann wie folgt charakterisiert werden:

  1. Der Magier hat Anteil an einer besonderen Kraft
  2. er manipuliert diese Kraft
  3. und die Handlung findet sowohl in der gewöhnlichen wie in der nichtgewöhnlichen Wirklichkeit statt

Dazu kommen Symbole, Beschwörungen, Rituale und innere Übungen zum Einsatz.

Weiterführende Literatur in Bezug auf Magie, aber allgemein den westlichen Weg:

Matthews, Caitlin und John – Der westliche Weg – Ein praktischer Führer in de Geheimlehren des Westens, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1999

2. Mystik und Mysterien

Das Wort Mystik hat seine Wurzeln in den Mysterienkulten der alten Griechen. Ein Mystiker war jemand, der jenseits des Schleiers der Erscheinungen die ewige Welt des Geistes erfahren hatte. In diesem Sinne ist jeder, der das Wissen um das „göttliche Leben“, d.h. eine andere Realität erfahren hat, ein Mystiker – egal innerhalb welchen Glaubenssystems er die andere, göttliche Wirklichkeit erfährt.

Wahrscheinlich hatten schon die Schamanen mystische Erfahrungen, die aber nur mündlich weiter gegeben werden konnten und so zur Mythenbildung führte.

3. Christliche Mystik

Das Wort Mystik (abgeleitet vom griech. Wort mystikos Die Mysterien und mystein, die Augen schließen) bezeichnet den Weg unmittelbarer Gotteserfahrung und im höchsten Sinne ein Leben aus solcher Gotteserfahrung. Und ist die christliche Mystik nur ein Weg solcher Mystik. Sie unterscheidet sich nur insofern, als sie sich auf die Christuserfahrung innerhalb des christlichen Kontexts beruft.

Es wird von zwei Arten der Erfahrung gesprochen:

  1. transzendente Erfahrung – die Gottheit wird ausserhalb erlebt
  2. immanente Erfahrung – Gott wird im Inneren erfahren

Und es gibt zwei Wege:

  1. den positiven Weg – es wird versucht, Gott als höchste aller erschaffenen Vollkommenheiten zu verstehen
  2. den negativen Weg – er beharrt darauf, dass der Mensch Gott niemals erfahren oder erkennen kann

Vertreter sind Meister Eckhart (1260-1328), Hildegard von Bingen (1098-1179), Jacob Böhme (1575-1624), die Heilige Caterina (1347-1380), die Heilige Teresa von Avilla (1515-1582), der Heilige Johannes vom Kreuz (1542-1591) uvam.

4. Gnosis

Die Gnosis (Erkenntnis des Übersinnlichen) entstand an der Kreuzung vieler alter Mittelmeerkulturen, zu einer Zeit, die das Ende vieler vorchristlicher Religionen kennzeichnet (um 250 v. Chr.). Ihre Stärke war die Verschmelzung von alt und neu, von Ost und West.

Hauptmerkmale der Gnosis:

  • Es gibt einen vollkommenen allumfassenden Gott.
  • Durch einen eigenmächtigen bzw. selbstbezogenen Akt in den Äonen tritt ein unvollkommener Gott ins Dasein. Dieser wird Demiurg oder Schöpfergott genannt, weil er seinerseits eigenmächtig das materielle All erschafft.
    • Der Demiurg wird in vielen gnostischen Schriften mit JHWH identifiziert, dem Gott des Tanach, des Alten Testaments der Bibel.
    • Daher gehen die Gnostiker davon aus, dass Jesus von Nazareth nicht der Sohn des Gottes der Juden ist, sondern – als eine Inkarnation des Christus – das Kind der vollkommenen Gottheit, also geistig verstanden, nicht etwa körperlich. (Christologie)
  • Ebenfalls erschafft der Demiurg den Menschen und verbringt diesen in immer dichtere Materie.
  • Die Schöpfung (und der Mensch) tragen jedoch grundsätzlich das Prinzip der ursprünglichen vollkommenen Gottheit in sich, von dem sie nicht zu trennen sind.
  • Einige gnostische Strömungen sehen die materielle Welt inklusive menschlichem Körper als „böse“ an, andere legen den Schwerpunkt auf das innewohnende geistige Prinzip, das den Rückweg zur geistigen Vollkommenheit respektive Einheit ermöglicht.
  • Das innewohnende geistige Prinzip, auch Funke oder Samenkorn genannt, muss dem Menschen bewusst werden, um die Verhaftungen an die materielle Welt erkennen und lösen zu können.

(Quelle: Wikipedia)

III. Kabbala

Die Qabbalah, wörtlich „Offenbarung“, „Enthüllung“ beschäftigt sich mit der geheimen Überlieferung von den göttlichen Dingen und ist der Kern der jüdischen Mystik. Die Grundlehren der Kabbala versuchen, das Wesen der Gottheit zu beleuchten, die kosmologische Struktur der Welt, die Schöpfung von Engeln und Menschen, die Bestimmung der Welt und den inneren Sinn der offenbarten heiligen Schriften.

Während die Physik heute Weltbilder entwirft, die Nicht-Eingeweihten kaum verständlich sind, versuchten die Kabbalisten dasselbe mit anderen, intuitiven Mitteln. Trotzdem weisen die Weltbilder große Ähnlichkeiten auf.

Die Kabbala in einer Kurzfassung vorzustellen, ist nahezu unmöglich. Obwohl als Mystik des Judentums bekannt, liegt ihr weltlicher Ursprung bereits in den alten verschollenen Kulturen.

Als Werk gliedert sie sich in die zwei großen Abschnitte:

  1. Farbe, Zahl, Ton und Wort – Die höheren Formen der Offenbarung des Geistes in der äußeren Welt, in der Natur und ihren Erscheinungen. Sie sind die Urkräfte des Universums, aus denen sich alles aufbaut, was geschaffen ist.
  2. Der Lebensbaum – Spiegel des Kosmos und des Menschen

Empfehlenswerte Literatur: Heinrich Elijah Benedikt: Die Kabbala – als jüdisch-christlicher Einweihungsweg, Bauer Verlag, 2002

(Fortsetzung im Artikel Spirituelle Wege – Teil 2)

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Lucia Frei
    Sep 21, 2012 @ 10:52:03

    Sehr guter Artikel und super Zusammenfassung. Es ist immer schwierig einen so großen Überbegriff in Bereiche einzuteilen, ist hier aber wirklich sehr übersichtlich aufgelistet. Ich selbst beschäftige mich sehr mit diesem Thema und bin hier trotzdem auf Wissen gestoßen, dass mir zuvor unbekannt war. Sehr gut, wirklich!!!

    Antwort

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